von
Anna Elisabeth Bernhardt
Anastasia
hat ein Kreuz mit ihre Lusern. Beim Nähen, wenn sie einen Faden einfädeln will,
muss sie es dem Zufall überlassen, ob der Faden in das Nadelöhr schlupfen will
und muss sich damit abfinden, wenn er der dicken Nadel wieder den Rücken
zuzukehren beabsichtigt. Sie näht sehr attraktiv, auf Schwarz weißfädig, und
auf weißem Grund gegen alle Regeln mit schwarzem Garn. Oft fällt ihr die Nadel
auf den Boden, als täte sie’s mit Absicht, oder es wickelt sich der Faden
elegant um die in der Nähe liegende Schere. Auch das Stück, das sie bearbeitet,
fliegt ihr vom Schoß – sie tratzend, auf den Boden. Die Nähnadel hat sie schon
vor Jahren in den Müll geworfen. Seitdem kämpft sie verbissen mit den großen
Öhren der Stopfnadel.
Fuchsteufelswild
wird Anastasia, wenn es ums Lesen oder Schreiben geht. Beim etwas
schnell-auf-das-Papier-Hinhauen kann sie hinterher alles selber nicht mehr
lesen. Wenn sie eine Geschichte ins Reine schreiben will, dann machen’s die
Buchstaben und Wörter wie Kinder beim Springen: sie wechseln übermütig nach
oben oder nach unten. Um manche Briefe oder Karten lesen zu können, muss sie
die Wohnung erst nach den Vergrößerungsgläsern durchsuchen. Beim Lesen in
Heften oder Büchern machen die kleinen Plagegeister, was sie wollen. Sie tanzen
auf dem Papier hin und her wie auf dem Parkett und maskieren sich frech als ein
anderer Buchstabe. Das A will ein O oder E sein. Das L verwandelt sich in ein I
oder T. Manches Wort stellt sich trotzig schief hin, nach oben oder nach unten,
so wie es ihm passt. Dann zerknüllt Anastasia vor Wut einige Blätter und
glättet sie wieder und nimmt eines der Vergrößerungsgläser.
Und grad mit Fleiß näht sie.
Und liest sie.
Und schreibt sie.