Die Prozession

von Inge Werr

Es war ein sonniger Feiertag, Fronleichnam.

In einem gestärkten weißen Kleid und mit einem Blumenkörbchen in der Hand stand ich vor der Pfarrkirche, um mich dem Fronleichnamszug anzuschließen.

Plötzlich beugte sich eine fremde Frau zu mir, der Zweitklässlerin, herab, und sagte: „Dich könnte ich noch für die Muttergottesfigur brauchen.“ Sie nahm mich bei der Hand, stellte meine Blumen beiseite und führte mich zu einer kleinen, blaugewandeten Marienstatue. Drei weißgekleidete Mädchen, mir unbekannt, warteten daneben.

Wir bekamen je eine blaue Holzlatte in die Hand gedrückt und mussten sie als Tragestangen seitlich in den Sockel der Figur stecken, um diese im Gleichgewicht halten zu können. Dann begann unter Glockengeläute die Prozession.

Voran mit flatternden Bannern schritten die Fahnenträger, gefolgt von betenden Nonnen und einer Schar Kinder, darunter wir vier Schülerinnen.

Ich war unbeschreiblich glücklich. Vom Gesang gefühlvoller Marienlieder begleitet, war mir, als schwebe ich auf Wolken. Die Last der „heiligen“ Gipsfigur spürte ich kaum.

Doch das Glück währte nicht lange.

Hinter mir im Zuge gingen meine Klassenkameradinnen. Als eine Gesangspause eintrat, hörte ich über die Schulter ihre Stimmen zischeln: „Ui, des sang’ ma dem Freilein, de Prettner is evangelisch, de derf d’ Muattagottes gar net trag’n. Hanni, schau amoi, wo’s Freilein Schmitt is!“

Mir stockte der herzschlag und meine Füße waren plötzlich bleischwer. Die Heiligenfigur begann zu wanken. Rasch trat eine Frau auf mich zu und fragte: „Um Gott’s Will’n, Kloane, is dir schlecht?“ Ich nickte heftig. Da erlöste sie mich vom Weitertragen und suchte katholischen Ersatz hinter mir.

Tränenblind lief ich heim und schluchzte mein evangelisches Elend am Hals meiner Mutter aus.