Moskau

von Ruth Brückner

Moskau erlebte ich vor Jahren, als noch der kalte Krieg zu spüren war.

Aufgefallen sind mir trotzdem Plakate an den Straßen, bei Ausstellungen und vor Klöstern, die Aufrufe zum Frieden zeigten. Aber all das war nicht so beeindruckend wie ein Ereignis, welches ich an einem Abend erlebte. Ein Besuch im weltberühmten Moskauer Staatszirkus. Ein großzügiges Gebäude, eine steil ansteigende Arena, jede Nummer hatte Weltrang, Dekoration und die Kostüme der Mädchen etwas kitschig.

Der Höhepunkt – für ich jedenfalls – war die letzte Nummer – unvergesslich!

Das Licht konzentrierte sich auf den Mittelpunkt der Manege. Ein Scheinwerfer begleitete einen Mann dorthinein. Kein Clown, ein einfacher Mensch in zeitloser Kleidung. Er hielt einen Blumentopf und eine Gießkanne im Arm, stellte beides ab und freute sich. Ging darum, goss aus der Kanne Wasser darüber und demonstrierte sein Glück.

Auf einmal hörte man Musik, laute, aggressive Militärmusik aus früherer Zeit. Man sah drei Soldaten, wie sie wohl zu Napoleons Zeiten gekleidet waren, daherkommen, über die Blumen marschieren und sie zertreten.

Das  Licht ging aus, die Musik brach ab.

Von Neuem kam der Mann daher, pflanzte hoffungsvoll in Erde, die in der Dunkelheit vorbereitet wurde, eine Blume. Setzte sich, legte sich träumend mit glücklichem Gesicht daneben.

Wieder Musik, Uniformen aus der Zeit des ersten Weltkrieges. Soldaten, die ale Hoffnung auf Leben niedertrampelten.

Traurig nahm er danach diese geknickte Blume in die Hand, wollte sie mit der anderen aufrichten, aber sie war zerstört, fiel zurück.

Es wurde dunkel, sehr lange

Und wie im Weltgeschehen – ein drittes Mal der Mann, die Hoffnung und die Blume.

Nun kannte ich Uniformen und die Marschmusik – noch mal wurde alles zerstört.

Das Scheinwerferlicht wurde danach gebündelt. Man sah nur eine Hand und die Blume. Eine Menschenhand mit einer geknickten Blume, in Stille und Dunkelheit.