Glückliche Weihnacht

von Daisy von Wolmar-Ströh

Seitdem der Vater gestorben war, kamen meine beiden Söhne nur noch selten, aber sie waren besorgt und halfen, wo sie konnten. An bestimmten Festtagen war ich eingeladen und selbst den behinderten Bruder, der in einem Heim lebte, vergaßen sie nicht zu besuchen, wenn es die Zeit erlaubte. Solange ich noch Auto fahren konnte, hatte ich ihn nach Hause geholt, nicht aus Pflichtgefühl sondern weil meine Liebe zu ihm durch seine Liebe zu mir eine besondere Bereicherung für ein Menschenleben geworden ist.

Autofahren und auch das Gehen wurden zu einer immer größer werdenden Anstrengung. –

Diesmal wollten meine Söhne die Weihnachtzeit in den Bergen verbringen – gestresst, erholungsbedürftig, die Ehefrauen hatten es dringend geraten.

Ich sollte es mir gemütlich machen, ausruhen, den neuen Fernseher so richtig genießen. Päckchen waren überreichlich abgegeben, auch für den behinderten Bruder im Heim.

Nach Hause holen? Nein! Das war doch unmöglich. „Mutter, du bist gehbehindert. Du musst mal nur an dich denken, abgesehen davon – wer sollte ihn denn abholen oder bringen? Also bitte keine unnötigen Sorgen, davon haben wir ja wirklich selbst genug – sei lieb – fröhliche Weihnacht also!“ –

Ich stand am Fenster und starrte auf die gegenüberliegenden Häuser. In allen Wohnungen wurden Lichter angezündet – immer mehr – immer strahlender.

Die Kerzen an meinem Bäumchen blieben zum ersten Mal ohne Licht.

Der Braten im Ofen würde auch kalt für die nächsten Tage reichen. In meinem Kopf wirbelten die Bilder vergangener Weihnachten: so viel Mühen, so viel Freude, so viel Zusammengehörigkeit, Licht und Liebe. Drei Söhne – und nun so allein. –

Schneetreiben setzte ein, als wolle es mir den Blick auf die erleuchteten Nachbarfenster verwehren.

Da klingelte es.

Ich erschrak. Irgendwelche mitleidigen Nachbarn? Nein! Nicht öffnen! Keine Erklärungen, kein Mitleid!

Wieder dieser ungestüme, fordernde Klingelton.


War etwas passiert? Auf dem Weg in die Berge? Am Skilift?

Angst kroch in mir hoch.

Ich öffnete.

Vor mir stand strahlend mein behindertes Kind!

Es fiel mir um den Hals, murmelte in seiner unbeholfenen Sprache etwas von Engel, Licht, Apfelkuchen, zu Hause sein und lieb haben.

Aus dem Dunkel löste sich die Gestalt eines jungen Mannes. Es war ein Zivildienstleistender, der seit einigen Monaten in der Anstalt arbeitete. Bei den Gesprächen mit meinen beiden Söhnen und nach Rücksprache mit seinem Schützling hatte er einen eigenen Entschluss gefasst. –

Ich verlebte mit den Beiden die schönste Weihnacht seit langer – langer Zeit.