Zwischen Messestand und Zirkuszelt 

Natürlich nutzt die Montagswerkstatt die Gelegenheit, sich bei der Internationalen Buchmesse der Kleinverlage und Handpressen, der 11. Mainzer Mini Pressen Messe 1991, einem überregionalen Publikum bekannt zu machen. Drei Tage lang stehen wir Rede und Antwort, nehmen Kontakte mit Verlagen auf, und wirken bei der Abendveranstaltung Lyrik und Jazz mit mehreren Texten aus „Kaleidoskop“ mit. Gelesen werden u. a. „Die Sternenstraße“ von Daisy von Wolmar-Stroeh, in der ein Sternmaler sich die psychiatrische Anstalt in eine wunderbare Sternenwelt verwandelt; „So fing’s an“ von Eva Schmalenbach, die aus der Sicht einer Halbjüdin über die Geschehnisse in der Nazizeit berichtet; „Ich werde immer an Dich denken“ von Gertrud Angerer, das in der Kriegszeit angesiedelt ist; „Damals“ von Margarete Hofmann, die darin ebenfalls Kriegseindrücke verarbeitet; „Zeitunterschiede“ von Adeline Jaques-Marin; und „Verschmähte Liebe“ von Suse Schneider-Kleinheinz.

Der Montagswerkstatt e. V. ist am 14. Juli 1991 einer von 200 Vereinen auf der Kulturdult des Kulturreferats der Stadt München. Zwischen Zirkuszelten und anderen Räumen befindet sich unser Stand – um uns herum Musik, Tanz, Theater. Wir versuchen, mit großen Bäumen auf Sackleinwand – als Blätter dienen Texte und der Schriftzug Montagswerkstatt schlingt sich als Buchstabenkette von Ast zu Ast – auf uns aufmerksam zu machen. Maskenfiguren sitzen zwischen uns, Frau Schneider-Kleinheinz tritt als Kistenprediger und als Moritatensänger auf, Frau Fischer lockt als „Lebendes Buch“ Gäste zu unserem Stand, wo wir aus ihrem großformatigen „Innenleben“ vorlesen. Wir animieren mit einem Preisausschreiben, selbst Geschichten zu schreiben, werben mit Plakaten, Flugblättern und Marktschreiern. Eine längere szenische Lesung findet im Café-Zelt statt: Frau Jarczyk stellt dabei das Dilemma der dichtenden Hausfrau als Pantomime dar, hantiert mit Topflappen, Kochlöffel, Schürze und Feder; nach ihr verwandeln sich die Montagswerkstättler bei einem Maskenspiel mit Musik in Figuren der Commedia del Arte und creieren gemeinsam ein Gedicht; lesen dann weitere Texte, bei denen Herzen zerrissen werden, überdimensionale „Hochmutsfinger“ auf das Publikum gerichtet sind und Masken von den Gesichtern gerissen werden.  

„Die Palette“, eine Zeitschrift für Literatur von Randgruppen, fordert uns auf, an ihrer nächsten Anthologie, „Alte Menschen schreiben“, mitzuwirken. Sieben unserer Autoren sind dann in dem Buch vertreten. In einem langen Artikel wird ferner über die Montagswerkstatt berichtet.  

Am 27. November stellt Bürgermeisterin Sabine Csampai das neueste Buch der Montagswerkstatt, „Der Tag wölbte sich höher“, der Presse vor. Die Autoren der Montagswerkstatt lesen bei der Pressekonferenz aus dem aktualisierten neuen „Lebenden Buch“ Texte vor. Frau Fischers melonenbekrönter Kopf lacht uns in den darauffolgenden Tagen in mehreren Zeitschriften über ihrem Buch-Körper entgegen. Der Bayerische Rundfunk berichtet in einer 20minütigen Sendung über uns.

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